(siehe auch: B. Oehl et al.: Epilepsiebehandlung im Hôtel Dieu von Mome Katihoé, einem ländlichen Epilepsiezentrum in Togo. Epileptologie 03/2014, SS 123-130.)

Auf Anregung der Jungen Epileptologen möchte ich über ein Epilepsieprojekt in einer ländlichen Region im Togo, Westafrika berichten. Wie kam es zu diesem Projekt? Während eines sechsmonatigen Aufenthaltes meinerseits am Krankenhaus St. Jean de Dieu, Afagnyagan, 2002 im Rahmen der Ausbildung zum Arzt für Allgemeinmedizin lernte ich die Hospitalschwestern kennen, die später in Momé Katihoé das Dispensaire Hôtel Dieu, ein Gesundheitszentrum für die dortige Bevölkerung aufbauten. Dort werden seit 2004 Kinder und Erwachsene allgemeinmedizinisch behandelt, Schwangere und Geburten betreut und Impfungen durchgeführt. Von den umliegenden Dispensaires unterscheidet sich das Hôtel Dieu insofern, als hier ein bedeutender Anteil von Patienten mit Epilepsie aus einem Umkreis von etwa 100km behandelt wird. Faktoren, die hierzu geführt haben, sind einerseits das besondere Interesse der damaligen Leiterin des Gesundheitszentrums Sr. Marie Bosco Heinzmann an Menschen mit chronischen neurologischen und psychiatrischen Erkrankungen und die für den Togo ungewöhnliche verlässliche Bevorratung wichtiger Antikonvulsiva, andererseits wohl auch mein persönliches Interesse an Epilepsie als damaliger Jungassistent am Epilepsiezentrum Freiburg.

Praktisch erfolgt die initiale Diagnosestellung und häufig auch der Beginn einer antikonvulsiven Behandlung im Rahmen der allgemeinmedizinischen Konsultation. Einmal im Jahr sind wir mit einem Team 2 Wochen vor Ort. Wir erheben eine detaillierte strukturierte Eigen- und Fremdanamnese. Zur Erhöhung der Treffsicherheit wird die Anfallsanamnese durch Karten mit Visualisierungen semiologischer Zeichen begleitet (siehe Bilder), die an der Zürcher Hochschule der Künste entwickelt wurden. Bei jedem Patienten wird ein Ruhe Wach EEG abgeleitet. Es erfolgt eine Anfalls- und Epilepsieklassifikation und die Auswahl der Medikation.

Anfallsanamnese durch Karten
Anfallsanamnese durch Karten mit Visualisierungen semiologischer Zeichen Foto: Dr. Bernhard Oehl

Im Vergleich mit Epilepsiebehandlung in Deutschland finden sich häufig anamnestische Hinweise auf eine cerebrale Malaria als primäres epileptogenes Ereignis – eine valide medizinische Dokumentation ist hierbei die Ausnahme.

Wir finden sehr erhebliche Latenzen bis zum Beginn einer kontinuierlichen medikamentösen antikonvulsiven Therapie und führen dies auf das Konzept von Epilepsie als einer spirituellen Krankheit und die Behandlung mit Mitteln der traditionellen Medizin wie Kräutertees, Hautritzungen und Nachtwachen zurück.

Da in den allermeisten Haushalten mit Feuer gekocht wird, sind Verbrennungen häufig. Die Schwere einiger Verbrennungen spricht dafür, dass die Betreffenden verzögert aus dem Gefahrenbereich entfernt wurden. Möglicherweise kam hier die Vorstellung der Kontagiosität von Epilepsie zum Tragen.
Unterbrechung oder Abbruch von Schule und Berufsausbildung mit Epilepsiebeginn sind die Regel. Aus diesem Grund hat nur ein Bruchteil der älteren Epilepsiepatienten eine abgeschlossene Schul- oder Berufsausbildung. Bei Kindern und Jugendlichen unter unseren Patienten gelang durch Information von Eltern und Lehrpersonen meist eine Wiederaufnahme der Ausbildung; b.B. wurden Hilfen zur Beendigung einer Ausbildung gewährt.

Die medikamentöse Behandlung erfolgt initial überwiegend mit Phenobarbital, das wir insbesondere bei Kindern wegen der häufigen Sedierung und des Abfalles der schulischen Leistung kritisch sehen. Gefährlich sind des weiteren Entzugsanfälle bis hin zu Status epileptici, insbesondere wegen häufig fragiler Adhärenz unter den Bedingungen eines Entwicklungslandes. Mit Hilfe von Medikamentenspenden konnten wir zahlreiche Patienten auf Levetiracetam und Carbamazepin einstellen.

Dr. Bernhard Oehl, Ortenau Klinikum Offenburg

Bei Rückfragen: Dr. Bernhard Oehl, Ortenau Klinikum Offenburg, Weingartenstrasse 70, D 77654 Offenburg, Bernhard.Oehl@ortenau-klinikum.de